Bunt gemischt:

1) Gedanken zur Einlaufzeit

2) Vasenaquaristik: Warum macht man denn so was?

3) Was ist Vasenaquaristik?

 

1) Gedanken zur Einlaufzeit

Zunächst: Ich habe auch früher nie Becken wirklich "einlaufen" lassen, jedenfalls nicht so, wie man das heute wohl versteht. Natürlich habe ich auch schon eine Menge "Lehrgeld" bezahlt, aber in Bezug auf "falsches" oder "unzureichendes" Einlaufen setze ich das alles nicht. Das waren andere Fehler...

Der Begriff "Einlaufzeit" ist nicht definiert. Nach etwa 4-6 Monaten erwarte ich keine typischen Anfangsprobleme mehr (Algenprobleme, chemische Ungleichgewichte), das heisst aber nicht, dass die später gar nicht mehr auftreten können. Oft ist mit "Einlaufzeit" gemeint, dass man einen sogenannten Nitritpeak hinter sich bringt. Dieser findet aber manchmal gar nicht statt oder kann jederzeit stattfinden, unabhängig vom Alter eines Beckens. 

Ich lese nicht selten die dringende Empfehlung, Garnelen erst nach 4 oder 6 Wochen in ein neues Becken einzusetzen. Argumentiert wird meist mit dem "Nitritpeak", der die Tiere sonst dahinraffen würde. Meine Gedanken dazu: 

1) Ein Nitritpeak kann verhindert werden, zumindest stark abgeschwächt und wenn er doch kommt, hilft der Wasserwechseleimer für ein paar Tage. So what? 

2) Nitrit ist für Garnelen lange nicht so riskant, wie für manche Fische. Vermutlich schadet eine längerfristige deutliche Erhöhung des Nitritgehaltes auch Garnelen, aber ein "Peak" beinhaltet ja schon im Wortsinn die kurze Dauer. 

3) Ammoniak als Vorstufe des Nitrits ist für Garnelen hingegen sehr gefährlich. Habe ich aber einen PH unter 7, liegt statt Ammoniak Ammonium vor und das macht den Garnelen nichts aus. Habe ich also einen messbaren, halbwegs moderaten Nitritanstieg, bedeutet dass, das das "giftige" Ammoniak, sofern es denn überhaupt da war, soeben abgebaut wurde. Der Nitritpeak könnte also regelrecht den Startschuss für den Garnelenbesatz bedeuten. (Ich weiß, das wirkt provokant, ist auch eher theoretisch gemeint) Bei einem stabilen PH unter 7 wäre auch das egal. 

4) Lasse ich ein Becken ohne Besatz/mit sehr geringem Besatz 500 Jahre laufen, und setze dann irgendwelche Tiere in nennenswerten Mengen ein, kommt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Ammoniak/Ammonium- und Nitritpeak. Die Dauer des leeren Einlaufens spielt also gar keine Rolle. Die nitrifizierenden Bakterien müssen sich immer der aktuellen Nitritproduktion im Becken anpassen, egal WANN sich diese ändert. Ideal wäre also, von Anfang an in Häppchen mit etwa einer Woche Abstand die geplanten Tiere einzusetzen. Das bedeutet, mehrfache Versandkosten, wenn man die Tiere bestellt. Beim Züchter seines Vertrauens stammen die nachgelieferten Tiere dann aus dem selben Becken und bringen keine fremden Keime mit.

5) Es gibt scheinbar öfter Ausfälle von Garnelen nach dem Umsetzen/Einzug. 
Ich vermute, Garnelen sind sehr stressanfällig und ihr Immunsystem (wenn man denn von einem solchen sprechen will) ist eher langsam bei der Anpassung an neue Umwelten. Ganz zufrieden bin ich mit dem Gedanken noch nicht, denn "in der Natur" ändert sich auch dauernd was an Wasserwerten und Umwelt und die Tiere überstehen das offensichtlich seit Jahrmillionen ganz gut. Die hier seit Generationen gezüchteten Tiere müssten eigentlich auch die sein, die allerhand Stress und wechselnde Wasserwerte bislang am besten überlebt haben... und ich gehe davon aus, dass seriöse Züchter eine gewisse Stabilität auch als oberstes Zuchtziel verfolgen. Passt also alles nicht so ganz. Meine Quintessenz hieraus ist jedenfalls das besonders stressarme, langsame und sanfte umgewöhnen und einsetzen.

Die zweite Idee für die Ursache des Garnelensterbens nach Umzug ist das Thema "Keime". Es ist scheinbar unmöglich, wissenschaftlich seriöse Informationen über dieses Thema zu bekommen. Wenn man dazu forscht, dann im Sinne der Nahrungsindustrie, die Garnelen in Massen und möglichst kostensparend erzeugen will und die haben da so ihre "Mittelchen". Außerdem müssen hier die Tiere nur schnell groß werden und nicht lange überleben. Ohne diese Informationen bleibt also nur der "Glaube", was nicht immer das schlechteste ist. Glaubt man also, dass Garnelen mit fremden Keimumwelten ein Problem haben, spricht das dafür, die Tiere in ein möglichst frisches Becken zu setzen, in dem sich noch keine Konkurrenten für eine Entwicklung der garneleneigenen Keime befinden. Wieder ein Argument gegen lange leere Einfahrzeiten... 

Meine ganz persönliche Meinung: 

Es ist sicher nur gut gemeint, wenn man Einsteiger davor bewahren möchte, Tiere zu verlieren und sie daher dazu auffordert, ein Becken lange einfahren zu lassen. Ob es wirklich zielführend ist, bezweifle ich langsam. Wichtiger finde ich persönlich Tipps wie: 

1) Keine Pflanzen aus dem Handel und wenn doch, dann ewig laaange wässern. Möglichst viele Pflanzen und auch Dekomaterial (Wurzeln/Steine) aus gut laufenden Garnelenbecken von privat bekommen. Hat man die nicht, gerne lebende Bakterien kaufen. (Oder auch zusätzlich)


2) Nitrit anfangs täglich MESSEN und bei Werten ab 0,5 oder 1,0 häufigere Wasserwechsel ODER einfach prophylaktisch häufuge Wasserwechsel (gerne großzügig). Bei Problemen und seltsamem Verhalten von Tieren auch mal einen größeren Wasserwechsel natürlich.


3) Von Anfang an Tiere einsetzen, aber immer so wenige wie möglich in kleinen Portionen und größeren Zeitabständen(eine Woche). Keine Tiere aus verschiedenen Becken zu sehr durcheinander einsetzen. Lieber zwei- oder dreimal die Versandkosten bezahlen, als jedes mal das große Sterben riskieren. (das gilt meiner Meinung nach besonders für Fische. bei Garnelen und Schnecken in moderaten Mengen in genügend Litern Wasser finde ich es nicht sooo wichtig)


4) Garnelen immer super sanft und langsam an das neue Wasser gewöhnen. Stress vermeiden.

Nach der Ankunft auspacken, Abdecken (Handtuck o.ä.), Pause. Tüte öffnen, Pause. Vasenwasser langsam eintröpfeln lassen. Tütenwasser gleichzeitig langsam rauströpfeln lassen. Abdeckung am besten abends ohne volle Beleuchtung langsam entfernen, Tiere käschern und umsetzen. Licht auslassen!


5) Tiere am besten von vertrauenswürdigen Hobbyzüchtern beziehen. Den Versandstress haben sie ohnehin, auch der Händler um die Ecke muss die Tiere ja irgendwie in den Laden bekommen haben. Abholen von privat ist natürlich immer besser, wenn irgend möglich. 

Ah, noch vergessen: Am Anfang Bakterien füttern. Mit etwas aufgeschwemmter Hefe, gemörsertem und aufgeschwemmtem Fischfutter oder besser speziellen Produkten wie Genchem Polytase/Biozyme. Schnecken im frischen Becken moderat zufüttern. Ihr Kot ist Bakterienfutter! 

Das ist meine bisherige persönliche Quintessenz zum Thema "Einlaufzeit".

 

 

2) Warum Vasenaquaristik? 

Mich fasziniert daran, so eine kleine eigene "Welt" aufzubauen. Selbst zu erschaffen, der "Bestimmer" und "Lenker" zu sein. Oder auch nur der "Zuschauer", der sich ein sehr langes Theaterstück oder einen sehr langen Spielfilm ansieht... Mal sehen, was als nächstes passiert! 
Also, eine Mischung aus beidem. Ich kann zumindest versuchen, einzugreifen, zu lenken... und dann gucken, was passiert. 
Eine Verlockung, wenn man aus der anderen, der großen Welt mal raus will und richtig abschalten. Welchen Stellenwert hat der böse Brief vom Finanzamt, oder der Anschiss vom Chef, wenn meine Fadenalgen endlich zurückgehen und das erste Garnelenbaby gesichtet wird? 

Ich sehe hier viele Parallelen zu Modelleisenbahnen (Modellbau überhaupt), Computerspielen wie SimCity o.ä, Gartengestaltung, Orchideenhaltung (Zimmerpflanzen überhaupt) und vielen anderen Hobbys, bei denen es um den Aufbau einer "kleinen Welt", einer "Parallelwelt" geht, auf die man Einfluss nehmen kann. Da viele Menschen heute unter dem Eindruck leiden, wenig Einfluss auf ihr Leben und die Welt an sich nehmen zu können, könnte sich hier ein Substitut anbieten. Ist aber nur so ein Gedanke...

Hinzu kommt die Biophilie des Menschen, der Reiz alles lebendigen, natürlichen, besonders animalischen. Das zeigt sich z.B. besonders beim Aquascaping...der Versuch, die Natur im kleinen Maßstab nachzuahmen und in meine "Höhle" zu holen. Das scheint ein regelrecht archaischer Antrieb des Menschen zu sein. Schon die ersten Künstler malten Tiere auf Höhlenwände und gestalteten Tierfiguren. Tiere (und Pflanzen) zu beobachten und in unserer Nähe haben zu wollen, ist wohl etwas ursprünglich menschliches...

Es gibt noch ein paar Motive mehr... die aber nicht mehr so durchgängig vorkommen, sondern eher Einzelfallspezifisch sind:

  • Sich um etwas (lebendiges) kümmern zu wollen (Helfersyndrom, Pflegetrieb)
  • Technische und biochemische Aspekte im Experiment zu erfahren (Naturwissenschaftliches Interesse)
  • In einem Forum dazuzugehören (Zur Gruppe der Garnelisten gehören)
  • Reich und berühmt werden zu wollen ("Züchter" usw)
  • Anerkennung und Zuwendung zu bekommen (seltene, schwierige Arten halten)
  • Substitut einer negativen Lebensbilanz (Im echten Leben geht alles den Bach runter, aber das Becken ist stabil)
  • ... und noch mehr... 


Aber ich glaube, das interessiert hier nicht wirklich...Ich wollte nur mal angeben und provozieren *g* Hauptsache ich krieg meine Zuwendung!!

 

 

3) Was ist Vasenaquaristik?

Früher, also damals... als ich noch jung war... *g* ...


... da gab es auch schon Aquarien zu kaufen. Standardmaße natürlich. Wer ganz cool war, ließ sich eins vom Glaser bauen oder baute sogar selber. (Noch viel früher gabs kaum Aquarien zu kaufen und selber kleben war die Norm, aber so alt bin ich noch nicht). In der Regel waren die Verhältnisse der Abmessungen von Höhe, Tiefe und Breite aber zumindest immer ähnlich.

Irgendwann gab es plötzlich die Nano-Aquaristik... Klein war in und wurde entsprechend produziert und beworben. 

Dann wurden irgendwann die "Cubes" erfunden. Eine revolutionäre Entdeckung: Aquarien können würfelförmig sein! Unglaublich! Was für eine aufregende Entdeckung! Und was für ein Markterfolg! Auf die Idee musste auch erstmal einer kommen.... 

Vasen wurden wahrscheinlich schon immer von Aquarianern genutzt. Als Zwischenlager für Pflanzen, die man aussortiert hatte oder als Schneckenvase für die Futterschneckenzucht, als Quarantänebecken, als provisorisches Aufzuchtbecken etc. Aber den Mut, das ganze dann "Aquarium" zu nennen, hatte man natürlich nicht. War ja nur ne Vase... 

So fristeten die Vasen in der Aquaristik eine verschämt verschwiegene Randexistenz. Obwohl sich manchmal ganz ungeplant und unerwartet relativ stabile Systeme entwickelten, die jahrelang einfach so liefen, ohne je Probleme zu verursachen, machte sich kaum jemand Gedanken darüber, warum es in so einer stiefmütterlich ignorierten Vase so problemlos läuft, während es im wohlüberwachten, volltechnisierten und perfekt gepflegten Becken nebenan so oft den Bach runter ging. 
Aussortierte Pflanzen wuchsen vielleicht besser, wirkten vitaler... eingeschleppte Schnecken vermehrten sich nicht übermäßig, selbst von versehentlich eingeschleppten Fisch- oder Garnelenlarven tauchten plötzlich ausgewachsene, fröhliche, gesunde Tiere in den Vasen auf, Algenprobleme gab es keine... aber es war und blieb ja "nur eine Vase".... 

Was ist also eigentlich so anders an Vasenaquaristik? 

Meiner Meinung nach ist es nicht die Vase. Die Vase ist an sich nur der neue Cube: Eine ungewohnte Form für ein Aquarium. Die Naturgesetze sind die gleichen wie in jedem Aquarium. 

Es ist die Ignoranz, das nicht ganz für voll nehmen, das "nicht bekümmern" und vielleicht sogar die fehlende Technisierung. Es ist auch das Tageslicht, vielleicht sogar die Sonne, die das Leben fördert. Es sind die wenigen Tiere, die wenig Biomasse bilden und den Bakterien genug Zeit für ihre Arbeit lassen.

Das zu erkennen und fördern zu wollen ist Vasenaquarstik in meinen Augen.


Ob man das in einer Vase tut, in einem eckigen Becken, in einem Fingerhut oder in einem Gartenteich, ist egal, spielt keine Rolle.
Vasenaquaristik hat eigentlich gar nichts mit Vasen zu tun... Die ungewöhnliche Form ist nur ein Krückstock, der uns hilft, die Vase nicht als Aquarium zu sehen und sie einfach mehr in Ruhe zu lassen und auf Technik zu verzichten, ... denn: 

Es ist ja nur eine Vase!


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